FALTER | 13-2024
Sexiest Sitcom auf der Theaterbühne
Einst spielten sie gemeinsam in der Erfolgsserie "Residents", 25 Jahre später sehen Susan (Amanda Osborne) und Craig (Mark Elstob) einander in einem Hotelzimmer wieder, um einem Kollegen die letzte Ehre zu erweisen. Dabei gehen ihre Gefühle auf Achterbahnfahrt. Das ist die Prämisse von "America's Sexiest Couple" aus der Feder des ehemaligen Hollywood-Sitcom Autors Ken Levine. Die Geschichte mit ihren nuancierten Charakteren spiegelt reale Probleme der Industrie wider und verknüpft das goldene Zeitalter des Fernsehens mit heutigen Entwicklungen. Der Regisseur Philip Dart überträgt das Format Sitcom gekonnt auf die Theaterbühne, und das Publikum liefert die Live-Lachspur.
Nahla Hamula
DIE PRESSE | 11.03.2024
Da staunt der Page: Es gibt auch Sex im Alter!
Das Kammerspiel „America’s Sexiest Couple“ erweist sich als gute alte angelsächsische Boulevardkomödie.
Warum hat Susan vor einem Vierteljahrhundert ihre Hauptrolle in einer höchst erfolgreichen Ärzte-Sitcom so abrupt beendet? Damals, in den Neunzigerjahren, bildeten sie und Craig im Fernsehen „America’s Sexiest Couple“. Doch nach fünf Serienstaffeln schmiss sie hin. Seither haben die beiden einander nie mehr gesehen. Nun treffen sie sich beim Begräbnis eines Kollegen von damals wieder, in ihrem Hotelzimmer in Syracuse, unweit von New York. Gut sechzig Jahre sind sie inzwischen, also fast doppelt so alt. Längst schon wurden sie von anderen aus dem Scheinwerferlicht gedrängt. Wieder drängt sich die Frage auf, warum Susan auf die Fortsetzung des Kassenschlagers verzichtet hat. Vor allem um sie geht es offenbar dem Verfasser dieses Kammerspiels, Ken Levine. Der Emmy-Gewinner hat ausreichend Erfahrung mit dem Genre und Milieu. Das führt er in eineinhalb Stunden stringent vor.
Früher ein Traumpaar
Ein Hotelzimmer, ein mehrmals assistierender Hotelpage. Sonst nur das eine: Zwei Menschen, die als Traumpaar gegolten haben, arbeiten sich daran ab, warum sie einst keine Affäre gehabt haben. Sie erproben zugleich, ob sie noch eine gemeinsame Zukunft haben könnten. Just vor dem Begräbnis des Kollegen eröffnet der Sender den beiden, dass ein Revival ihrer Serie möglich wäre. Werden Susan und Craig sich wieder für „Residents“ erwärmen? Das kann man derzeit in Vienna’s English Theatre bei der europäischen Erstaufführung von „America’s Sexiest Couple“ erfahren. Regie führt Philip Dart, der in Wien schon mehrfach bewiesen hat, ein Händchen für Komödien zu haben.
Das ungleiche Paar wird von Amanda Osborne und Mark Elstob mit viel Witz und rasanten Dialogen dargestellt. Sie mit mehr Differenziertheit bis zur Verbiesterung, er mit lockerem Hang zur Übertreibung. Die Rolle der Boomer, die sich langsam dem letzten Lebensabschnitt nähern, nahm ihnen das Premierenpublikum dankbar ab. Es weiß offenbar genau, welche Probleme diese Generation inzwischen plagen.
Seltsame Bräuche der Boomer
Der dritte, kleinere Part wurde von Ahmed Al-Taai mit Bravour gemeistert. Den Pagen gibt er als erfrischenden Kontrapunkt: Einer aus der Enkelgeneration wundert sich über die seltsamen Bräuche der Alten, die ihn beide für sich vereinnahmen wollen, quasi als Schiedsrichter. (…) Nach der Pause wird das Tempo etwas langsamer. Man könnte sagen, die Luft ist raus. Das liegt aber auch daran, dass es nun fast ernst wird. Ein Hauch von #MeToo liegt in der Luft. Wurde zuvor über die Lebenslügen noch gelacht, kommt jetzt so etwas wie Rührung, wenn nicht Bestürzung auf. (Nicht wegen des Begräbnisses, das dient bloß als Auslöser fürs Lachen, wie man es aus TV-Serien kennt.) Fazit: Gute alte angelsächsische Tradition des Boulevardstücks. Sie wurde mit herzlichem Applaus bedacht.
Norbert Mayer
DER STANDARD | 27.03.2024
"America’s Sexiest Couple" erlebt ein tragisches Happy End
In Philip Darts Stück im Vienna’s English Theatre treffen einander zwei Schauspielkollegen nach Jahrzehnten wieder und teilen schöne wie erschütternde Momente. (…)
Wiedervereinigung dank Beerdigung
Im Theaterstück America’s Sexiest Couple sieht sich das einst so heiße Serienpaar anlässlich der Beerdigung eines Cast-Mitglieds im amerikanischen Syracuse wieder. Regisseur Philip Dart setzt die beiden auf der Bühne des Vienna’s English Theatre in ein erstaunlich realistisch wirkendes Hotelzimmer (Bühne: Vernon Marshal) und lässt sie rund 25 Jahre nach ihrem letzten Treffen in der Vergangenheit schwelgen, schmerzhafte Enttäuschungen teilen und in einen Streit geraten. (…)
Das harmlose Geplänkel aus der Feder des Autors Ken Levine ist nett mitanzusehen, könnte aber ein wenig mehr Spannung vertragen. Eine wesentlich düsterere und emotionalere Richtung schlägt das Stück nach der Pause ein. Dann offenbart Susan den wahren Grund, warum sie den Kontakt scheute, vor allem zum mittlerweile verstorbenen Schauspielkollegen.
Heiter nur zum Schein
America’s Sexiest Couple wirkt zunächst wie eine anspruchslose Komödie. Dazu trägt der eine Generation jüngere Hotelpage (Ahmed Al-Taai) bei, der die beiden unwissentlich gegeneinander ausspielt, indem er unbedingt Selfies mit Craig machen möchte, aber Schauspielerin Susan gar nicht kennt. Im dicht gewebten Teppich aus heiteren Jokes versteckt sich allerdings einiges an Kritik an der oberflächlichen Schauspielbranche oder sexuell übergriffigen Männern. Das macht auch die Tiefe des Stücks aus: Die List lauert unbemerkt hinter allen möglichen Ecken und überfällt einen nichtsahnend im Moment des Gelächters, das dann jäh zum Stillstand kommt.
Patricia Kornfeld
ONLINE MERKER | 06.03.2024
Ein bisschen Hickhack und viel Liebe…
Stücke, die von Schauspielern handeln, sind beim Publikum sehr beliebt – man hat immer das Gefühl, ein wenig voyeuristisch hinter die Kulissen blicken zu dürfen. Und wenn der US-Autor Ken Levine die Geschichte zweier Fernsehstars von einst beschreibt, so weiß man, dass er nicht nur ein erfolgreicher Komödien-Dramatiker ist, sondern auch viel Zeit seines Lebens als Autor in Fernsehstudios verbracht hat.
(…) Amanda Osborne und Mark Elstob stürzen sich mit Verve auf ihre Virtuosenstücke. Natürlich klingt immer wieder die künstlerische Eifersucht durch, ohne die es unter Schauspielern nicht abgeht, das kleine Hick Hack der Eitelkeiten. Ein bisschen Bosheit muss auch dabei sein, wenn man sich nach Jahrzehnten ein paar Wahrheiten sagt. Aber eigentlich ist klar, dass es hier um eine Liebesgeschichte geht und zwei unglückliche Menschen jetzt nachholen können, was sie einst versäumt haben.
Gewürzt wird das Duo von einem wahren Talent, nämlich Ahmed Al-Taai als Bellboy-Jungspund. Der zeigt den Oldies nicht nur, wie sich die Welt in den letzten dreißig Jahren weiter entwickelt hat (Kann man Serien auch anderswo sehen als am Smartphone?), sondern erweist der Großeltern-Generation noch seine Reverenz, wie sie es verdienen.
Renate Wagner