Bloodshot
a thriller by Douglas Post
DER NEUE MERKER
Vienna’s English Theatre hat mit “Bloodshot” das wahre Gustostück einer Aufführung vom Nuffield Theatre, Southampton eingekauft. Ein-Personen-Krimis sind nicht so selten, wie man glauben möchte, stellen aber am Theater eine ultimative Schwierigkeit dar. Wie kann ein Mensch allein eine dramatische Geschichte schildern und spielen? Nun, der Brite Simon Slater zeigt, wie es geht. Er ist übrigens nicht nur Schauspieler, sondern auch Musiker und darüber hinaus ein Mann von stupenden, ganz besonderen Fähigkeiten. Und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass Thriller-Autor Douglas Post ihm dieses Stück, diese Rolle auf den Leib geschrieben hat, wo er alles zeigen darf, was er kann.
(…) Die Bühne ist nicht nur Dereks schäbige Wohnung: Durch die an der Wand erscheinenden Projektionen setzt die Inszenierung von Patrick Sandford Zeichen, wohin der Held geht. Und das Besondere des Stücks sind die Gesichter, die er im Lauf des Abends annimmt. Denn Simon Slater – auf den ersten Blick ein eher unscheinbarer Typ – spielt nicht nur den Fotografen mit Polizistenvergangenheit, er verwandelt sich auf der Suche nach der Geschichte der Toten auch in die Männer rund um Cassandra – mit dickem russischen Akzent und einer fabelhaften Geschicklichkeit, echte Zaubertricks vorzuführen (eine seiner besonderen Fähigkeiten), ist er der schmierig-verlogene Barbesitzer, für den Cassandra gearbeitet hat. Dann schnappt er sich ein Saxophon, das er stupend spielt, und verwandelt sich in einen amerikanischen Musiker. Und dann plötzlich, fast nicht zu erkennen, ist er ein irischer Comedian, der meisterlich die Ukelele zupft und dazu frech-schlüpfrige Songs von sich gibt. (Das alles hat er, wie das Programmheft verrät, auch selbst komponiert.)
Slater dreht den Kopf und ist ein anderer Mensch, in Tonfall und Körpersprache, im ganzen Habitus verwandelt. Man beachte außerdem, dass er in jeder dieser Rollen völlig den Sprachduktus wechselt – der Durchschnittslondoner, der Russe, der Amerikaner, der Ire. Das allein ist schon ein virtuoses kleines Prachtstück. Abgesehen davon, dass er einmal einen Kampf zwischen zwei Personen verkörpert, die er beide selbst darstellt… da wird’s dann wild.
Es geht nur um den Darsteller, um Slater und seine magischen Bühnenkünste. Der Krimi bietet da eher den Vorwand, die Lösung ist nicht überwältigend, aber letztlich doch ausreichend überraschend, dass das Stück auch auf dieser Ebene funktioniert. Aber man sollte, ausreichende Englisch-Kenntnisse vorausgesetzt, unbedingt in diesen Abend gehen um zu sehen, was ein Schauspieler alles leisten kann.
Renate Wagner
13.09.2011
KURIER
One-Man-Performance in nachtschwarzer Farbe
„Bloodshot“ von Douglas Post, bis 22.10 in Vienna’s English Theatre in der Josefsgasse: Mit Anklängen an den klassischen Film Noir hat Patrick Sandford den „Thriller“ inszeniert, als wär’s ein Blick in ein Album voller Schwarz-Weiß-Fotos.
Der Schauspieler, Komponist und Musiker Simon Slater verkörpert die einzige Figur, den Fotografen Derek Eveleigh, der im Strudel kruder Ereignisse schon in den Seilen hängt, ehe er am Ende auf der Selbstmörderbrücke in London landet. In einem Kuddelmuddel aus Bsuff, Träumerei, Leidenschaft, Gewalt und Verzweiflung gerät die Welt des psychisch ohnedies ramponierten Mannes allmählich aus den Fugen.
Was harmlos beginnt mit dem geheimnisvollen Auftrag, heimlich eine Frau zu fotografieren, wird zur verzwickten Mordgeschichte mit verblüffendem Ende. Wie in einem skurrilen Puzzle greift alles irgendwie ineinander. Bei Simon Slater, der verschiedene Stimmen und Akzente zu haben scheint und Geschichten über die Schicksale vieler Einzelner zu erzählen weiß, wird der Psychomonolog, gespickt mit allerlei Taschenspielertricks, zur packenden One-Man Show. Wobei Slater auch zu Ukulele und Saxofon greift.
W. Rosenberger
15.09.2011
WIENER ZEITUNG
London in den 1950er Jahren. Fotograf Derek Eveleigh ist Alkoholiker, arbeitslos und arm. Da trifft es sich gut, dass dem ehemaligen Polizisten ein anonymer Bewunderer ein fürstliches Gehalt für einen simplen Auftrag bietet: eine Frau bei ihrem täglichen Spaziergang durch den Park heimlich zu fotografieren. Derek nimmt an, doch ehe er sich versieht, ist er in eine Mordserie verwickelt. Er nimmt die Spur auf und landet schon bald bei einem zotigen irischen Komiker, einem amerikanischen Jazzmusiker und einem undurchsichtigen russischen Zauberer.
Schauspieler zu sein, war auch schon einmal einfacher. In dem Ein-Personen-Stück „Bloodshot“ nimmt Simon Slater sämtliche Rollen des packenden Krimis ein. Er wechselt zwischen britischem, amerikanischem und russischem Akzent, führt Zaubertricks vor, spielt Saxofon und Ukulele – und das alles mit Bravour. Einzig das Objekt seiner Kameralinse, Cassandra, tritt über Fotoprojektionen in Erscheinung. Autor Douglas Post kann sich glücklich schätzen, für sein Stück ein Ausnahmetalent wie Slater gefunden zu haben. Ohne auch nur den kleinsten Ruckler hält er die Geschichte am Laufen und das Publikum ständig am Rätseln. Neben der Täterjagd bietet das Stück, das erst letztes Jahr in London uraufgeführt wurde, Einblicke in die sozialen Brennpunkte der Hauptstadt zur Zeit der Nachkriegsjahre. Der damals noch heruntergekommene und heute hippe Stadtteil Notting Hill war geprägt von afro-karibischer Immigration und Armut, Probleme, die sich lediglich verlagert haben und heute noch vorherrschen, wie man an den Unruhen vor wenigen Wochen feststellen konnte. Eine packende Geschichte, hervorragend gespielt und inszeniert.
Alexander U. Mathé
16.09.2011
DIE PRESSE
Douglas Posts “Bloodshot”: Ein Thriller mit Witz
Simon Slater brilliert in der Rolle als liebenswerter Alkoholiker am Vienna’s English Theatre. Ein wahres Gourmetstück und ein Exot in der heimischen Theaterszene.
Der Fotograf Derek Eveleigh (Simon Slater) steht auf der Brücke und denkt an Selbstmord. Doch er zögert, denn er hat etwas zu erzählen. Eine ungewöhnliche Geschichte, die ihn dort hingebracht hat, wo er jetzt ist. Geisterhafte Musik ertönt, das Plätschern der Wellen dringt ans Ohr. Dann beginnt der einzige Protagonist in „Bloodshot“ dem Publikum die dramatischen Ereignisse der vergangenen Wochen zu schildern.
London, 1957: Notting Hill ist ein Ort der Kriminalität, die Anzahl der Immigranten steigt stetig. Der Ex-Cop und Fotograf Derek befindet sich in seiner schäbigen Wohnung und wirkt mitgenommen. Von Kriegsgeschehnissen, Alkohol, seiner finanziell misslichen Lage. Er trinkt, um zu vergessen. Alles ändert sich, als er einen mysteriösen Brief erhält. Er wird gebeten, Bilder von einer unbekannten Schönen zu schießen. Der Haken? Sie darf nichts davon erfahren, und der Absender bleibt anonym. Ein sonderbarer Auftrag. Trotzdem nimmt Derek an und beginnt die junge Dame zu verfolgen. Alles läuft bestens, bis der Fotograf eines Tages Zeuge einer schrecklichen Tragödie und somit ungewollt in einen Mordfall verwickelt wird.
Mit Douglas Posts „Bloodshot“, das 2010 im Nuffield Theatre in Southampton uraufgeführt wurde, zeigt Simon Slater nun auch in Wien seine schauspielerische Kunst. Mit einem einfachen Bühnenbild und an der Wand erscheinenden Projektionen zeichnet der preisgekrönte Regisseur Patrick Sandford (er führte unter anderem bei Komödien Woody Allens Regie) den Weg des Protagonisten nach. Slater, der schon mit Meryl Streep vor der Kamera stand, nimmt im Laufe des Stückes verschiedene Rollen an. So erzählt er die Geschichte zwar zunächst aus der Sicht des nostalgischen Durchschnittslondoners Derek, verwandelt sich dann aber in den schmierigen irischen Komödianten, der gekonnt die Ukulele zupft und das Publikum zum Lachen bringt. Dann verkörpert er mit fast schon übertrieben amerikanischem Akzent einen Saxofonisten, der mit Elan und Hingabe auf seinem Instrument spielt. Und schließlich begeistert er als schamloser Magier mit starkem russischen Akzent.
Auch wenn der Autor nicht die ideale Auflösung bietet, so ist „Bloodshot“ doch ein wahres Gourmetstück und ein Exot in der heimischen Theaterszene, das dank Slater die komplizierte Aufgabe eines Ein-Mann-Thrillers gekonnt bewältigt.
Victorine Kulier
18.09.2011
DER STANDARD
Brillanter, spannender Slapstick
Im Vienna’s English Theatr verkörpert der britische Performer Simon Slater in der Detektivgeschichte “Bloodshot” alle Figuren auf einmal
Wien – Das Vienna’s English Theatre eröffnete seine Spielzeit mit einer spritzigen Detektivgeschichte. Mit nur einem Schauspieler gelingt es Regisseur Patrick Sandford, den 1950er-Jahre-Krimi um einen Fotografen, der unfreiwillig zum Zeugen eines Mordes wird, spannend zu inszenieren. Bloodshot des US-amerikanischen Schriftstellers Douglas Post wurde dem britischen Performer Simon Slater auf dem Leib geschrieben. Der Schauspieler, Musiker und Zauberer schlüpft in diverse Rollen und schafft es, über zwei Aufführungsstunden hindurch die Spannung zu halten.
In erster Linie verkörpert er den Fotografen Derek Eveleigh, eine traurige Figur, der seine tragischen Erfahrungen als ehemaliger Polizeifotograf nur mit einer täglichen Dosis Hochprozentigem verdrängen kann. Gerade rechtzeitig erhält er einen geheimnisvollen Auftrag, er soll im (damaligen) Immigrantenstadtteil Notting Hill eine junge Frau beschatten und fotografieren. Der Auftraggeber bleibt anonym und zahlt im Voraus. Eveleigh lässt sich auf den Job ein und wird dabei zum unfreiwilligen Ermittler in einem Mordfall.
Die dubiosen Gestalten, auf die er trifft, spielt Slater alle selbst. Brillant wechselt er zwischen den Figuren und ihren jeweiligen Instrumenten, Akzenten, teilweise sogar Sprachen. Wenn Slater als irischer Komiker dann auch noch die Mokolele auspackt, ist der Höhepunkt der kleinen Stand-up-Comedian-Show im ansonsten ernsten Stück erreicht. Eine gelungene Inszenierung, die mit Humor nicht nur einen spannenden Kriminalgeschichte erzählt, sondern auch die gesellschaftlichen Umbrüche im London der 1950er Jahre beleuchtet. Die Produktion von “The Nuffield Theatre Southampton” ist bis 22. Oktober zu Gast im Vienna’s English Theatre.
Elisa Weingartner
23. September 2011