THE STYRINGA TREE
by Pamela Gien
Die Presse
“The Syringa Tree”: Die Geschichte zweier Familien aus Südafrika – eine Glanzrolle für Shannon Koob in Vienna’s English Theatre.
Südafrika 1963, Apartheid, eine Gar tenidylle; die sechsjährige Elizabeth Grace sitzt auf der Schaukel unter dem Syringa-Baum und erklärt ihre Welt, die sie nicht ganz versteht. Warum zum Beispiel ist es Schwarzafrikanern verboten, sich in dem weißen Viertel ohne Papiere aufzuhalten? Warum versteckt die Hausangestellte Salamina Mashlope ihr Baby Moliseng, dessen Geburt das kleine Mädchen miterleben durfte, vor den Nachbarn? Sehr überzeugend spielt Shannon Koob das Glückskind Elizabeth. Im nächsten Moment aber verwandelt sie sich in die herzensgute Salamina, dann in Elizabeths Eltern Eugenie und Isaac Grace.
Das Wunderbare an dem von nur einer Schauspielerin präsentierten Stück, mit einem guten Dutzend Rollen in zwei Dutzend Szenen: Man nimmt der Solistin diesen facettenreichen Auftritt willig ab. Knapp zwei Stunden lang lacht, weint, wirbelt, tanzt Koob in dem von Michael Evan Haney straff inszenierten Schauspiel über die Bühne, die Narelle Sissons sparsam mit einer Schaukel und einem Hügel voller Steine gestaltet hat. Selbst den symbol-beladenen Baum muss man sich denken. Koob vollbringt eine grandiose Leistung, deren Mühen fast unbemerkt bleiben. Am Schluss gibt es bei der Europapremiere in Wien Standing Ovations für Koob.
Was macht den Reiz des Stückes von Pamela Gien aus? Die in Südafrika geborene Autorin entwickelt eine aus der Perspektive des Kindes präsentierte Geschichte zweier Familien. Die Graces, der jüdische Arzt und seine katholische Frau, sowie die Mashlopes respektieren einander. Elizabeth liebt ihre Nanny und deren kleine Tochter, für sie besteht der Haushalt aus einer Familie. Doch die liberalen Graces stehen unter strenger Beobachtung der burischen Nachbarsfamilie Hattingh, die mit religiöser Inbrunst für die Rassentrennung eintritt. Sind das die Feinde? Schon wieder so ein dunkler Begriff. Die kindliche Sichtweise verdeutlicht den Wahnsinn der Apartheid, die tragischen Vorkommnisse gewinnen dadurch an Absurdität. Es ist gefährlich für Weiße, die abgängige kleine Mashlope in Soweto zu suchen, doch für Elizabeth bleibt nur die Erinnerung an eine Autofahrt und einen darauf folgenden intensiven Streit ihrer Eltern. Warum wird ein Schwarzer von der Polizei verprügelt? Nicht nur für Kinder sollte dies ein grundloser brutaler Akt sein. Warum flüstern schwarze Hausangestellte von Freiheit?
Elizabeth wächst heran, wird mit unerträglicher Brutalität konfrontiert. Ihre Großeltern, einfache Farmer, die in Frieden mit ihren schwarzen Nachbarn leben wollen, werden von einem marodierenden “Freiheitskämpfer” überfallen, der Großvater wird ermordet. Das Kind kann die Umstände nicht verstehen, aber es beobachtet genau die Konsequenzen: Die geliebte Nanny Salamina verlässt das Haus, weil sie die Schande nicht ertragen kann, dass ein Angehöriger ihres Volkes Familienmitglieder ihrer Dienstherren umgebracht hat.
In den späteren Szenen wird die Opfer-Rolle in den beiden schicksalhaft verbundenen Familien umgedreht. Die Studentin Elizabeth erzählt von den Schüler-Aufständen in Soweto. Jugendfreundin Moliseng Mashlope ist bei einer dieser Revolten in Soweto ums Leben gekommen. Elizabeth kann dies nicht ertragen, sie verlässt ihre Heimat, geht in die USA, will nie mehr zurückkommen. Doch die Geschichte ist gnädig. Es kommt das Ende der Apartheid, es kommt zu einem versöhnlichen Wiedersehen mit Salamina. Traurig-froh sitzen die vom Schicksal geprüften Protagonisten unter dem geduldigen Syringa-Baum.
NORBERT MAYER
Kronen Zeitung
Das Mädchen im Baum
Rund zwanzig Figuren, eine Geschichte zwischen gestern und heute, der Rahmen ist fast ein ganzes Menschenleben: “The Syringa Tree” von Pamela Gien erzählt die Geschichte eines weißen Mädchens in den Zeiten der südafrikanischen Apartheid-Politik. Ein berührender Theaterabend in Viennas English Theatre!
Zunächst das Beeindruckendste: Shannon Koob als Elisabeth beschert in den anderthalb Solostunden ein faszinierendes Theatererlebnis. Ohne Brüche bringt sie die Erzählung der jungen Weißen, schafft es, Politik, Lebensgeschichte, aber auch ihre seelische Situation unter einen Hut zu bringen.
Nur eine Hängeschaukel dient als Bühnenunterstützung, kein Fangnetz sichert ihre schauspielerische Parforcetour. Aber es gilt da nicht nur, eine Geschichte zu erzählen – alle Personen des Haushalts, Freunde, Feinde, Bekannte werden von ihr dargestellt: Sie selbst verwandelt sich unablässig, beschwört ein buntes Panoptikum der Typen und Figuren!
Dabei hält sie sich im Grunde sehr zurück und spielt nur so viel, wie unbedingt zur Erklärung der Geschichte nötig ist, überzeichnet die Rollen nicht. Dafür erweckt sie mit ihrer sicheren Sprache alle Figuren zum Leben: Da ist die kindliche Sechsjährige, die sich im Syringa-Baum versteckt, da humpelt der Großvater vorbei oder lenkt der Chauffeur das Auto… Alles brodelt vor Intensität und quirliger Lebensenergie, dass man diese Dialoge mitunter tatsächlich zu sehen glaubt.
Wie viel Präzision – auch in der klugen, unaufdringlichen Regie von Michael Evan Haney und der sparsamen Lichtgestaltung von James Sale – da nötig sind, wie viele Details beachtet werden müssen, ist schon allein einen Theaterabend wert! Eine harmonische Aufführung mit besonderem Empfehlungsgrad!
OLIVER A. LANG
Kurier
Magisches Südafrika
Für Südafrika ist 2004 ein Jahr zum Feiern – um auf eine Dekade Demokratie und Freiheit zurückzublicken. Das autobiografisch gefärbte “The Syringa Tree” von Pamela Gien erinnert in Vienna’s English Theatre (bis 6. März) ans dunkle Kapitel der Apartheid in Südafrikas.
Die berührende Geschichte der unbeirrbaren Liebe zweier Familien zueinander – die eine weiß, die andere schwarz – und von deren beiden Töchtern, die im selben Haus im Südafrika der 60er-Jahre gemeinsam aufgewachsen sind, wurde 2001 mit dem Obie Award for Best Play Off Broadway ausgezeichnet.
Wie uns Shannon Koob zuerst mit naiven Augen einer Sechsjährigen auf die Absurditäten, das Chaos und die mit Angst besetzte Zeit der Rassentrennung blicken lässt, wie die Amerikanerin dann nonstop 100 Minuten in zwei Dutzend Charaktere schlüpft und in einer fulminanten One-Woman-Performance mit Witz die seinerzeit chaotischen Zustände und zugleich die Magie und die Geheimnisse Südafrikas erahnen lässt, gehört zu den intensivsten Theater-Erlebnissen, die Wien derzeit zu bieten hat. –
Werner Rosenberger
Wiener Zeitung
Zwei Stunden Realität
Durch die Augen eines Kindes in ein Land und eine Zeit zu blicken, über die jeder von uns schon gehört hat, die sich aber nur wenige wirklich vorstellen können, ist hoch interessant.
Elizabeth ist sechs Jahre alt und lebt im Südafrika der 60er-Jahre unter der Apartheid. Sie hat Glück, sie ist weiß, aber Elizabeth spürt bereits genau, dass die Hausangestellten sich vor der Polizei fürchten müssen und ihre britischstämmigen Eltern von den Afrikaner-Nachbarn verachtet werden. Die ungewöhnliche Erzählperspektive und die Liebe zum Detail machen das Stück “The Syringa Tree” von Pamela Gien zu einem wichtigen Zeitdokument, das den Zuseher mitnimmt in eine Zeit voll Misstrauen und Angst, gemischt mit Erfahrungen aus einer “ganz normalen” Kindheit. Die Besetzung ist mit Shannon Koob, die neben der sechsjährigen Elizabeth auch alle anderen über 20 Rollen in dem Stück verkörpert, brilliant gewählt. Jeder einzelne Charakter – egal ob burischer Priester oder Xhosa Hausangestellte – ist klar zu erkennen und einfühlsam dargestellt.
Barbara Ottawa