The Life & Music of Woody Guthrie
WOODY SEZ
Devised by David M. Lutken with Nick Corley
and Darcie Deaville, Helen J. Russell & Andy Teirstein
Der Neue Merker
So ändern sich die Zeiten: Wer heute „Woody“ sagt, meint nur einen, Filmemacher Woody Allen. Aber in den Jahren nach dessen Geburt 1935, gab es in den USA einen anderen und nur einen „Woody“: den politischen Sänger und Texter Woody Guthrie. Selbst wenn man von ihm noch nichts gehört haben sollte – „This Land Is Your Land“ kennt jeder, Amerikas zweite und wohl schönere Hymne als das pathetische „God bless America“. Denn Woody Guthrie hatte klar gestellt, dass dieses Land allen gehört – nicht nur den Reichen…
Wer nun Näheres über Woody wissen will, was sich wirklich lohnt, dem ist der Abend in Vienna’s English Theatre dringend angeraten. Der auf Anhieb unverständliche Titel „Woody Sez“ ist in jenem (nicht ganz leicht verständlichen) amerikanischen Unterklasse-Slang gehalten, den man reichlich zu hören bekommt – „Sez“ ist „Says“, Woody sagt, oder, anders formuliert: Also sprach Woody Guthrie… Denn er hatte auf die schlichte Art der amerikanischen Folk-Songs, deren Gründervater er war, vieles und vor allem Politisches zu sagen.
Der Abend, dem man David M. Lutken als Gestalter und in der Rolle des „Woody“ verdankt, umreißt ein mehr als tragisches Leben: Woody, geboren 1912 im tief ländlichen Oklahoma, hatte viel zu stemmen. Er stammte aus ärmsten Verhältnissen, die Mutter, mit der er schon als Kind sang, starb am Huntington-Desease, einer Gehirnerweichungs-Erbkrankheit, an der er selbst auch 1967, erst 55jährig, zugrunde ging. Er musste eine kleine Schwester, später eine kleine Tochter begraben, er zog hungernd durchs Land, sah mit wachsen Augen die Katastrophe der „armen“ USA in den dreißiger und vierziger Jahren.
Und er formulierte das in Protest-Songs, die vom Establishmet viel Widerstand erfuhren. Wer immer nach ihm kam, von Bob Dylan bis Leonard Cohen, ist gewissermaßen sein Sohn, trägt das Erbe eines kritischen Amerika mit, dessen Unterschicht einst erst durch Woody – der immer wacker links und zu Recht gegen die Reichen war – eine musikalische Stimme gefunden hatte. Von seinen über tausend Liedern bietet er Abend gut zwei Dutzend extrem wirkungsvolle…
Ein rundes Porträt von Woody bringen vier Darsteller, die alle exzellente Sänger und Musiker sind (gut ein Dutzend Instrumente liegt und steht auf der Bühne herum, jeder holt sich, was er braucht, von Gitarre bis Harmonika, Geige bis Kontrabaß), in einer lockeren, aber nie billigen Revue des traurigen Lebens auf die Bühne – und weil die Melodien des amerikanischen Country, Western und Folk so unwiderstehlich sind, schleichen sich die Melancholie und Depression, die aus all dem spricht, quasi nur hinterrücks ein.
David M. Lutken als Woody – Fotos zeigen, dass er dem hageren Original tatsächlich sehr ähnlich ist – trägt den Abend wundersam, ein Erzähler und Darsteller, der immer fesselt. Und wenn man heimkommt und sich zur Erinnerung den originalen „Woody“ auf YouTube anhört, muss man ehrlich zugeben, dass Lutken auch noch die schönere Stimme hat. Wie auch immer – er ist perfekt und seine drei Partner, der köstlich robuste David Finch sowie Helen Jean Russell und Megan Loomis als späte „All American Girls“ mit wundervollen Stimmen, sind es auch.
Wenn sie am Ende noch einmal „This Land Is Your Land“ singen, fühlt man sich wie Kennedy, als er „Berliner“ war. Da möchte man mit voller Seele rufen: „Ich bin Amerikaner!“
Renate Wagner
13.09.2016
Die Presse
„Woody Sez“: Mit der Gitarre durch das staubige Amerika
Eine Hommage auf Woody Guthrie gastiert im Vienna’s English Theatre.
Die sozialkritischen Texte, die Woody Guthrie im Rainbow Room, einer New Yorker Elitebar, in das Mikrofon singt, gefallen dem Moderator nicht: Schnell winkt er zwei Damen auf die Bühne, die Werbesongs für Nylonstrümpfe und Pepsi-Cola singen sollen, und raunt Guthrie zu: „We agreed you wouldn’t play that kind of material!“ Ob er nicht auch etwas Nettes spielen könne, „God Bless America“ zum Beispiel. Kann er, aber auf seine Art: Und er singt „This Land Is Your Land“, sein wohl berühmtestes Lied, allerdings in einer Version, die nie veröffentlicht werden wird. Neben den bekannten Strophen, die die Schönheit der amerikanischen Landschaft preisen, geht es da nämlich auch um Armut, Hunger und Mauern, die das Land in privates Eigentum aufteilen.
Die Szene steht am Beginn des Musicals „Woody Sez“ (benannt nach den Kolumnen, die Guthrie für die kommunistische Zeitung „People’s World“ geschrieben hat), das derzeit im Vienna’s English Theatre zu Gast ist. Die Show ist eine Hommage an die Lieder und das Leben des amerikanischen Folksängers Woody Guthrie (1912–1967), eine Ikone, die zahlreiche Künstler – von Bob Dylan bis Bruce Springsteen – maßgeblich beeinflusst hat.
Lieder über Elend und Hoffnung
Ein Ensemble aus vier Multiinstrumentalisten, angeführt von David M. Lutken, der das Stück geschrieben, musikalisch arrangiert hat und in der Rolle von Woody Guthrie glänzt, gibt abwechselnd Lieder und szenisch angereicherte Erzählungen aus seinem Leben zum Besten: die Kindheit in Oklahoma, die ersten Berührungen mit der Musik, die Jahre als durch die Bundesstaaten treibender Vagabund. Guthrie dokumentierte Elend, Hoffnung und die Launen der Natur; seine Lieder aus der Zeit, als er mit von Staubstürmen aus ihrer Heimat vertriebenen Arbeitern nach Kalifornien wanderte, brachten ihm den Titel „Dust Bowl Troubadour“ ein.
„Woody Sez“ erzählt von alldem, schlicht und schmucklos, musikalisch mitreißend, wenn in der Inszenierung auch allzu gleichförmig. Viel betont wird die Romantik der Trostlosigkeit – auch das Bühnenbild bietet eine staubige Farmlandschaft im Sonnenuntergang –, dazwischen geht es aber durchaus heiter zu, wenn etwa Guthries Lebensweisheiten und Kommentare rezitiert werden: „Left wing, right wing, chicken wing!“
Katrin Nussmayr
16.09.2016