OLD WICKED SONGS

by Jon Marans
31 March- 10 May 2008
 
 

DIE PRESSE


Ohne Mühe, ohne Kitsch

Ein sehr intensiver Abend:“Old Wicked Songs“ mit Schumanns „Dichterliebe“ im Vienna’s English Theatre.

„Sei zärtlich zu ihr. Du musst sie verführen. Dann lächelt sie zurück.“ – „Aber die Hälfte ihrer Zähne ist schwarzgefault.“ Das Klavier spielt in John Marans’ „Old Wicked Songs“ (Regie: Jonathan Fox) die dritte Rolle. Abgesehen von ihr tragen Kenneth Tigar und Denis Butkus die zweieinhalbstündige Aufführung am Vienna’s English Theatre. Ohne Mühe. Sie tragen und erfüllen sie. Ohne Kitsch. Vorausgesetzt, man mag Robert Schumanns „Dichterliebe“, vertonte Gedichte Heinrich Heines. Die Lieder Des Zyklus sind Bestandteil des Stücks, auch sein Name ist der ins Englische übertragene Titel des letzten Liedes.

1986, in Österreich läuft der Waldheim-Wahlkampf. Der 25-jährige amerikanische Pianist Stephen Hofmann (Butkus) kommt nach Wien, um beim prominenten Professor Schiller zu studieren. Der Junge ist ein eingebildetes Wunderkind, das mühelos Melodien nachspielt, doch ohne Gespür für die Musik. Schiller aber ist nicht in der Stadt, und so übernimmt Gesangslehrer Mashkan den Studenten, der sich nur widerwillig fügt. „Im wunderschönen Monat Mai“ muss er zu singen beginnen. Stephen, den Mashkan konsequent Stefan nennt, sträubt sich erst; auch spielerisch will Butkus die Rolle zu Beginn nicht so recht passen. Erst als er erzählt, dass er schon als kleiner Bub komplizierte Stücke perfekt intonieren, aber eben nicht interpretieren konnte – und tatsächlich auf der Bühne spielt – sitzt alles.

Der strenge, aber hilflos einsame Mashkan, der immer wieder antisemitische Bemerkungen macht, wird doch Stephens Lehrmeister: Die wirkliche Erfüllung, künstlerischen Tiefgang, könne man nur durch das Gegenspiel von Leiden und Freude erfahren, sagt er. Erst diese Dialektik mache den Reiz und die Intensität der Musik aus. Stephen, jüdischer Herkunft, macht diese Erfahrung selbst – er fährt nach Dachau.

Die Inszenierung des Pulitzer-nominierten Stücks ist konventionell, der Inhalt passt wohl nicht zufällig ins 1938-Jubiläumsjahr. Tigar wie Butkus geben ganz natürlich enorme Gefühle weiter, einfach mit Tränen in den Augen.

Trick
 

KURIER


Geheimnis – Selbstbetrug

Ein fein ausbalanciertes Kammerspiel in der Regie von Jonathan Fox: Zwei Männer, jeder für sich mit einem Geheimnis, arbeiten sich ab an Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“: „Im wunderschönen Monat Maix“Um „was ist schon richtig in der Kunst und im Leben?“ und andere essenzielle Fragen dreht sich das für den Pulitzer-Preis nominierte Drama „Old Wicked Songs“ von Jon Marans in Vienna’s English Theatre.
Ein verrätselter Gesangslehrer mit Vergangenheit (Kenneth Tigar) und ein ausgebrannter jüdisch-amerikanischer Pianist (Denis Butkus) treffen 1986 zur Zeit der Waldheim-Affäre in Wien aufeinander. Sie haben keine Sympathien füreinander. Doch allmählich schält sich wie bei der Zwiebel Schicht für Schicht ab und offenbart: Schmerzen der Seele.  
               
Werner Rosenberger
 

WIENER ZEITUNG


Virtuosenhafte Betrübtheit

Als berufliches Wrack erreicht der junge US-Starpianist Stephen Hoffman das Wien des Jahres 1986. Dort, so hofft er, soll ihm der renommierte Professor Schiller wieder die Freude an der Musik nahebringen. Doch statt unter die Fittiche des Meisters genommen zu werden, muss er mit dem schrulligen Lehrer Mashkan vorlieb nehmen. Der entpuppt sich aber als idealer, weil komplementärer Charakter für Hoffman. Dem ausgebrannten, gefühlskalten jungen Techniker steht ein emotionaler, weiser Romantiker gegenüber.
In der politisch brisanten Zeit um die österreichischen Präsidentschaftswahlen und Kurt Waldheim weckt Mashka über Weltkrieg und Vergangenheitsbewältigung wieder Gefühle in dem amerikanisch-jüdischen Pianisten.

“Old Wicked Songs” ist ein rührendes und kluges Zweipersonenstück, in dem über Schumanns “Dichterliebe” zwei Menschen zueinander finden und gleichzeitig ihr Leid aufarbeiten. Dies brachte dem Stück auch 1996 eine Nominierung für den Pulitzerpreis ein. Dem Vienna’s English Theatre ist es gelungen, dafür den aus Fernsehserien wie “Law and Order” oder “Will and Grace” bekannten Mimen Kenneth Tigar an Bord zu holen, der gemeinsam mit Denis Butkus eine exzellente Leistung bietet.
Das English Theatre hat mit “Old Wicked Songs” ein Werk auf die Bühne gebracht, das Erfolg beim Publikum garantiert. Allerdings ist 20 Jahre zurückliegende Politik in einem zehn Jahre alten Stück nicht besonders originell.

Alexander U. Mathé
 

STANDARD


Geister in der Klaviatur

Musik soll ja die radikale Kraft besitzen, Menschen verschiedenster Machart zusammenzubringen. Dieser Gedanke ist Grundkapital bei Old Wicked Songs (Regie: Jonathan Fox) im Vienna’s English Theatre: “Die alten bösen Lieder“ stammen aus Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“, der wiederum die ausdrucksvolle Nebenrolle in Jon Marans’ Stoff abzuleisten hat.

Inmitten der Waldheim-Affäre, 1986: Das Pianistenwunderkind Stephen Hoffman (Denis Butkus) sucht musikalische Entfaltungshilfe in Wien und findet diese unverhofft beim Gesangsprofessor Josef Mashkan (Kenneth Tigar).
Wie sich herausstellt, können beide die persönlichen Schrecken des Nationalsozialismus nicht verarbeiten. Ansonsten sind die beiden jedoch grundverschieden: Hoffman, der junge, von sich selbst eingenommene Virtuose hat technisches Talent; der flamboyante alte Mashkan dagegen kann seine Emotionen nur noch in der Musik ausdrücken: Kopflastigkeit vs. Passion.

Beide Schauspieler sind überzeugend, und doch spielt Tigar seinen Partner mit unzähligen Grimassen der Gutmütigkeit an die Wand.
Trotzdem kommt die konventionelle Inszenierung streckenweise recht langatmig daher: Zum Thema Holocaust hat der US-Autor Jonathan Safran Foer mittlerweise schon lebendigere Standards gesetzt. 
  
pet