YOUNG V.E.T. presents the musical

NEXT TO NORMAL

Music by Tom Kitt, Book and Lyrics by Brian Yorkey
6 – 11 May 2019
 
 

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Normal? – Was ist schon normal!

Wie kann es sein, dass ein Stück wie dieses, das vom nicht ganz einfachen Zusammenleben der Familie Goodman erzählt, in der die Mutter Diana an einer bipolaren Störung leidet, am Broadway einen Sensationserfolg feiern konnte, mehrfach preisgekrönt wurde (Tony Award und Pulitzerpreis) und inzwischen weltweit nachgespielt wird? – Die Antwort auf diese Frage erhält man am besten, indem man eine der Vorstellungen des Musicals Next to Normal besucht, das derzeit im Vienna´s English Theatre auf dem Spielplan steht. Dort wird – präsentiert vom YOUNG V.E.T. und in der Regie von Adrienne Ferguson – vorgeführt, wie Themen wie Trauer und Verlust, Selbstmord, Drogenabhängigkeit und psychiatrische Behandlungsmethoden in einer Weise auf die Bühne gebracht werden, die durchaus unterhaltsam ist, trotzdem in die Tiefe geht und ungemein berührt.

Das liegt in erster Linie am gut gearbeiteten Libretto von Brian Yorkley und an der feinen Musik von Tom Kitt, die mit fünf Instrumentalisten (Klavier, Violine, Gitarre, Bass und Schlagwerk) ihr Auslangen findet und geschickt verschiedenste Impulse aus dem gegenwärtigen Musical-Fundus aufgreift und weiter verarbeitet. Auch Mozart, Spieluhrenmusik und Oscar Hammerstein werden da zitiert und geistreich abgewandelt. Ein Beispiel gefällig? – Wenn die von ihrem Arzt mit Psychopharmaka abgefüllte Diana vor ihrem Medikamentenschrank steht und die verschiedensten Arzneien entnimmt, erklingt eine Reminiszenz an „My Favorite Things“ aus The Sound of Music, nur dass es hier eben nicht von „apple strudel“ und „schnitzel with noodles“ die Rede ist, sondern von den ihr verschriebenen Pillencocktails.

Am Erfolg der mit standing ovations bedachten Premiere haben selbstverständlich die Sängerinnen und Sänger ihren kräftigen Anteil. Suzanne Carey ist als sympathische, mehr oder weniger verhaltensauffällige Mutter Diana das Zentrum des Geschehens. Wie sie verzweifelt mit den Folgen – Gedächtnisverlust – von Elektroschock-Behandlungen kämpft und am Schluss ihren Koffer packt und die Familie verlässt, um ihrem trotz der großen Belastungen stets gut gelaunten und hoffnungsfrohen Ehemann Dan Goodman (Kevin Perry) und ihrer Tochter Natalie ein Leben „next to normal“, also ein „fast normales“ Leben zu ermöglichen, geht unter die Haut.

Eine wichtige Nebenhandlung ist die sich unter Schwierigkeiten anbahnende Liebe zwischen Natalie und dem jungen Aussteiger, Träumer und Kiffer Henry (Caleb F. Siems). Natalie (Helen Lenn) leidet darunter, dass im Universum ihrer Mutter vor allem ihrem Bruder Gabe alle Aufmerksamkeit zuteilwird. Sie sucht Bestätigung und Anerkennung an der Schule, wo sie die Perfektion findet, die sie zu Hause so sehr vermisst, flüchtet sich schließlich aber auch in leichten Drogenkonsum. Kilian Berger verkörpert ihren – auch in seiner tatsächlichen Abwesenheit – stets überpräsenten und alles dominierenden Bruder Gabe. Keine einfache Rolle, doch er bringt die für dies Figur nötige Aura des Geheimnisvollen gut über die Bühne. Den Cast vervollständigt Alex Wadham in der Doppelrolle der beiden Ärzte, deren Praktiken in diesem Stück ziemlich kritisch hinterfragt werden.

Man sollte möglichst unbeschwert in die Vorstellung zu gehen. Um dieses Musical voll genießen zu können, sind nämlich keine Vorkenntnisse der Handlung oder der darin abgehandelten Probleme nötig. Ganz im Gegenteil. Man setze sich einfach neugierig auf das, was kommen wird, hinein. Dann sieht man, im ersten Teil vor der Pause der zweieinhalb Stunden dauernden Aufführung, eine Durchschnittsfamilie – Vater, Mutter, Sohn und Tochter – , die nur manchmal leicht aus den Fugen gerät, den Alltag mit seinen Herausforderungen aber doch erstaunlich gut meistert und offenbar gelernt hat, mit Humor und Gelassenheit damit umzugehen. Erst wenn die Mutter frohgemut mit der Geburtstagstorte für ihren Sohn hereinplatzt, folgt die Erkenntnis über ein ganz spezielles Familiengeheimnis, das entfernt an die Komödie Mein Freund Harvey erinnert, aber, vor allem in seinen Folgen, nicht ganz so unbeschwert und heiter ist. Und dann wartet man bestimmt gespannt darauf, wie es nach der Pause weitergehen wird…

Manfred A. Schmid
06.05.2019